HomeLand NRWKlima und Natur

„35 Grad, 20 Kinder, kein Ventilator – wie lange sollen das Kinder und Erzieherinnen noch aushalten?“

„35 Grad, 20 Kinder, kein Ventilator – wie lange sollen das Kinder und Erzieherinnen noch aushalten?“

„35 Grad, 20 Kinder, kein Ventilator – wie lange sollen Erzieherinnen das noch aushalten?“

Diese verärgerte Frage stellt in einer Pressemitteilung Alex Liefermann, Vater und freier Autor aus Düsseldorf und bekannt für seinen Kampf für bessere Kita-Bedingungen.

„Während im Fernsehen Schutzmaßnahmen für Büroangestellte diskutiert werden, kämpfen Erzieherinnen mit mehr als 20 Kindern in überhitzten Räumen ums Durchhalten ohne Lüfter, Klimaanlage oder Anerkennung“, kritisiert Liefermann.

Die Hitze treibt die Temperaturen in deutschen Städten auf über 35 Grad –  eine extreme Belastung, vor allem für Menschen, die unter diesen Bedingungen körperlich und emotional anspruchsvolle Arbeit leisten müssen.

Während sich die Medienberichte fast ausschließlich auf die Situation von Büroangestellten konzentrieren Stichwort: Homeoffice, Ventilatoren, mobile Klimageräte bleiben die Arbeitsbedingungen von Erziehern weitgehend unbeachtet.

„Wir arbeiten mit mehr als 20 Kindern in einem Raum ohne Klimaanlage, ohne Lüftung, ohne Sonnenschutz an den Fenstern. Die Hitze ist kaum auszuhalten. Und niemand redet darüber“,

berichtet eine Erzieherin, die namentlich nicht genannt werden möchte.

Besonders gefährlich ist die Situation für die Kinder selbst: Ihr Körper kann Wärme schlechter regulieren als der von Erwachsenen. Sie überhitzen schneller, dehydrieren leichter, sind überreizt, weinen, schlafen schlecht und sind gesundheitlich stark gefährdet. Dass sie den ganzen Tag in stickigen Räumen verbringen müssen, ist kein Betriebsunfall es ist politisches Versagen.

Gerade ältere Kolleginnen und Kollegen stoßen in diesen Tagen an ihre Grenzen. Eine Mitarbeiterin über 60 erlitt beinahe einen Kreislaufkollaps. Doch statt Hilfe oder Entlastung gibt es Ignoranz von der Politik, den Medien und oft sogar den Trägern selbst.

Ein systemrelevanter Beruf aber nur auf dem Papier.

„Wir werden behandelt, als wären wir nichts wert“,

sagt die Erzieherin weiter. „Es heißt immer: ,Bringt eure Kinder zur Kita, die Erzieherinnen machen das schon. Aber keiner fragt, wie es uns dabei geht. Wir werden angeschrien, die Kinder rasten bei der Hitze aus und wir stehen mittendrin, ohne Rückzugsmöglichkeit, ohne Pause, ohne echte Unterstützung.“

Der Beruf der Erzieherinnen gilt seit Jahren als extrem belastend psychisch wie körperlich. Viele Beschäftigte haben ihren Entschluss, diesen Beruf zu wählen, längst bereut. Und jetzt, in dieser Hitzewelle, wird erneut deutlich: Wertschätzung bleibt ein leeres Wort, wenn sie nicht von konkreten Maßnahmen begleitet wird.

Forderungen bleiben ungehört
Während in anderen Berufsgruppen über Hitzeschutz, flexible Arbeitszeiten und technische Lösungen diskutiert wird, bleibt für Kitas oft nur Durchhalteparolen. Dabei wäre es ein Leichtes, auch hier einfache Maßnahmen umzusetzen: Ventilatoren, Hitzeschutzfolien, mehr Personal für echte Pausen oder einfach nur öffentliche Anerkennung.

Die Probleme sind geblieben seit Jahren und werden bei 35 Grad im Schatten unerträglich.
Die Frage, die bleibt: Wann wird endlich ernst genommen, was Erzieherinnen und Erzieher täglich leisten auch und gerade bei Extremwetter?
Ich sehe jeden Tag, wie viel Kraft und Geduld die Erzieherinnen aufbringen auch bei dieser brutalen Hitze.

Während im Fernsehen über Büro-Ventilatoren gesprochen wird, schuften sie mit mehr als 20 Kindern in stickigen Raumen ohne Klimaanlage, ohne Schutz, ohne Dank. Das ist nicht nur ungerecht das ist respektlos. Wer seine Kinder täglich in die Kita bringt, sollte auch verlangen, dass die Menschen dort wie Menschen behandelt werden.

Viele Kitas wurden für ein Klima gebaut, das es so längst nicht mehr gibt. Große Fensterflächen, fehlende Außenverschattung und mangelnde Lüftungsmöglichkeiten sorgen dafür, dass Gruppenräume am Vormittag unangenehm warm werden.

Besonders betroffen sind die Kinder. Kleinkinder können ihre Körpertemperatur schlechter regulieren als Erwachsene. Gleichzeitig verbringen sie einen Großteil ihres Tages in der Kita, weil ihre Eltern arbeiten müssen.

Doch auch die Fachkräfte geraten an ihre Grenzen. Erzieherinnen und Erzieher trösten, fördern, beobachten Entwicklungsprozesse, lösen Konflikte und tragen Verantwortung für Gesundheit und Sicherheit. Während viele Beschäftigte bei extremer Hitze klimatisierte Arbeitsplätze nutzen können, bleibt das Personal in Kitas dort, wo die Kinder sind.

Hinzu kommt ein Problem, über das kaum gesprochen wird: das Lüften. Die Theorie klingt einfach. Fenster auf, frische Luft hinein, Hitze hinaus. Die Praxis sieht jedoch anders aus. Aus Sicherheitsgründen dürfen Fenster häufig nicht dauerhaft geöffnet oder unbeaufsichtigt offen gelassen werden. Gleichzeitig sitzen in einem Gruppenraum oft mehr als zwanzig Kinder. Jeder Mensch gibt Wärme ab. Die Luft wird schwer und stickig.

Empfohlen wird das Lüften in den frühen Morgenstunden oder die sogenannte Nachtauskühlung. Doch auch das scheitert vielerorts an der Realität. Morgens fehlen Zeit und Personal. Nachts bleiben Gebäude aus Sicherheitsgründen verschlossen oder verfügen nicht über die notwendige Technik. Die Folge: Die Wärme bleibt gespeichert und begleitet Kinder und Fachkräfte durch den nächsten Tag.

Sobald über Hitze in Kitas gesprochen wird, fallen Begriffe wie Wasserspiele, Planschbecken oder Eis. Diese Maßnahmen können helfen. Sie lösen jedoch nicht das eigentliche Problem. Ein überhitztes Gebäude bleibt ein überhitztes Gebäude.

Dabei geht es längst nicht mehr um Komfort. Es geht um Gesundheit. Es geht um Arbeitsbedingungen. Und es geht um den Schutz der Kinder. Wer ehrlich auf die Situation blickt, erkennt schnell, dass Hitze in Kitas kein Randthema mehr ist.

Kinder können sich ihre Umgebung nicht aussuchen. Erzieherinnen und Erzieher können die baulichen Bedingungen ihrer Einrichtungen nicht verändern. Die Verantwortung liegt deshalb bei Politik, Trägern und Gesellschaft. Denn die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr, ob wir handeln müssen. Die Frage lautet vielmehr, warum wir noch immer akzeptieren, dass die Jüngsten unserer Gesellschaft und die Menschen, die sie täglich begleiten, unter Bedingungen ausharren müssen, die wir an vielen anderen Orten längst nicht mehr hinnehmen würden.

Als Vater frage ich mich immer häufiger, woran wir als Gesellschaft eigentlich erkennen wollen, dass ein Problem dringend geworden ist.

Reichen überhitzte Gruppenräume? Reichen erschöpfte Kinder? Reichen Fachkräfte, die Tag für Tag unter Bedingungen arbeiten, die immer belastender werden? Oder warten wir so lange, bis das, was heute noch als Ausnahme gilt, endgültig zur Normalität geworden ist?

Die Sommer in Deutschland werden heißer. Das spüren wir alle. Doch während über Klimaanpassung, Hitzeschutzpläne und Zuständigkeiten diskutiert wird, müssen Kinder und pädagogische Fachkräfte die Folgen bewältigen. In vielen Kitas gehören hohe Raumtemperaturen, fehlender Schatten auf Außengeländen und eine erhebliche Belastung an heißen Tagen längst zum Alltag.

Dabei geht es nicht darum, einzelne Einrichtungen oder einzelne Menschen verantwortlich zu machen. Im Gegenteil. Die meisten Erzieherinnen und Erzieher leisten unter schwierigen Bedingungen Außergewöhnliches. Viele Kita-Leitungen versuchen täglich, Lösungen zu finden, obwohl Personal fehlt, Budgets knapp sind und notwendige Maßnahmen oft nur langsam umgesetzt werden.

Auch Eltern kennen die Realität. Sie erleben Kinder, die nach einem heißen Tag erschöpft nach Hause kommen, und wissen gleichzeitig, wie wichtig eine verlässliche Betreuung ist.
Gerade deshalb sollten wir ehrlich über die Situation sprechen.

Kinder können sich nicht selbst schützen. Sie sind darauf angewiesen, dass Erwachsene Verantwortung übernehmen. Sie brauchen ausreichend Trinkmöglichkeiten, geschützte Aufenthaltsbereiche, angenehme Raumtemperaturen und Bedingungen, unter denen sie spielen, lernen und sich ausruhen können. Das sollte selbstverständlich sein. Doch vielerorts hängt die Qualität des Hitzeschutzes noch immer von den baulichen Gegebenheiten, den verfügbaren Mitteln oder dem Engagement einzelner Personen ab.

Auch die Menschen, die täglich für unsere Kinder da sind, verdienen mehr Aufmerksamkeit. Pädagogische Fachkräfte tragen große Verantwortung. Sie begleiten Kinder durch ihren Alltag, fördern ihre Entwicklung und sorgen für Sicherheit und Geborgenheit. Wer diese Arbeit leisten soll, braucht selbst einen Arbeitsplatz, der Gesundheit und Wohlbefinden nicht gefährdet. Hitzeschutz ist deshalb kein Luxus und keine Nebensache. Er ist Teil eines verantwortungsvollen Arbeits- und Gesundheitsschutzes.

Viele Probleme sind seit Jahren bekannt. Fehlende Beschattung, schlecht isolierte Gebäude, mangelnde Möglichkeiten zur Kühlung oder langwierige Verwaltungsverfahren werden immer wieder thematisiert. Dennoch entsteht oft der Eindruck, dass die Umsetzung notwendiger Maßnahmen nicht mit der Geschwindigkeit erfolgt, die die Situation eigentlich erfordert. Während die Temperaturen steigen, wachsen vielerorts Frust und Belastung. Dabei gibt es bereits gute Beispiele. Manche Kitas haben funktionierende Hitzeschutzkonzepte entwickelt, Außenbereiche angepasst oder ihre Abläufe verändert. Sie zeigen, dass Verbesserungen möglich sind. Doch solche Lösungen dürfen nicht vom Zufall abhängen. Sie sollten überall dort selbstverständlich sein, wo Kinder betreut werden.

Als Vater wünsche ich mir keine Schulddebatte. Ich wünsche mir, dass wir die Realität anerkennen und gemeinsam handeln. Eltern, Fachkräfte, Leitungen, Träger, Kommunen und Politik verfolgen letztlich dasselbe Ziel: Kinder sollen sicher, gesund und gut betreut aufwachsen. Dieses Ziel darf nicht an fehlendem Sonnenschutz, überhitzten Räumen oder jahrelangen Verzögerungen scheitern.

Viele Erzieherinnen und Erzieher werden sich in diesen Zeilen wiederfinden. Viele Leitungen ebenso. Und viele Eltern wahrscheinlich auch. Nicht weil jede Kita gleich ist, sondern weil die Herausforderungen längst in vielen Einrichtungen angekommen sind.

Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob wir auf die Folgen zunehmender Hitze reagieren müssen. Die Frage lautet, warum wir an manchen Stellen noch immer so handeln, als hätten wir alle Zeit der Welt.

Eine Gesellschaft zeigt ihre Prioritäten dort, wo sie Verantwortung für die Jüngsten übernimmt. Kinder verdienen Schutz. Fachkräfte verdienen Schutz. Und beide verdienen Bedingungen, die ihrer Gesundheit und ihrer Würde gerecht werden. Das sollte kein besonderer Anspruch sein. Es sollte selbstverständlich sein.“

Alex Liefermann, Düsseldorf

COMMENTS

WORDPRESS: 0