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Ein nieselig-kalter Advents-„Spaziergang“ in Bergkamen und Polizei auf der Suche nach „Rädelsführer“

Ein nieselig-kalter Advents-„Spaziergang“ in Bergkamen und Polizei auf der Suche nach „Rädelsführer“

Teilnehmer des im Internet ausgerufenen "Spaziergangs" versprenkeln sich am nieselig-kalten 4. Adventssonntag vor dem Rathaus in Bergkamen. (Foto Ausblick am Hellweg)

Dass einer der Polizeibeamten gleich als Erstes wieder nur wissen wollte, wer denn hier der „Rädelsführer“ sei. „Das war doch gleich wieder vorverurteilend und unfair“, regt sich ein Paar mittleren Alters auf. „Wieso Rädelsführer? Randaliert hier irgendwer? Wieso fragt er nicht einfach sachlich, wer hier der Organisator ist?“

Die beiden sind, wie einige weitere, an diesem nieselig-kalten 4. Adventssonntag dem Aufruf zum „Spaziergang“ in Bergkamen gefolgt.

Das Wetter ist suboptimal für einen Adventsspaziergang. Zwischen Busbahnhof und Rathausplatz versprenkeln sich gegen 15 Uhr einige Dutzend Menschen, ältere, jüngere, ein paar Familien mit Kinderwagen sind zu sehen und dem Familienhund an der Leine. Wer hier nun hier „spazierengeht“ mit (impf-)kritischem Hintergrund, wer schlicht ohne Hintergrund herumspaziert, wer vielleicht einfach aus Neugier gekommen ist und zugucken will oder wer möglicherweise offiziell hier ist, das können auch die eingesetzten Beamten der Landespolizei NRW kaum auseinanderhalten.

„Sind Sie Spaziergänger?“, fragt einer der Uniformierten prompt auch unsere Redaktionsabordnung. Nein, antworten wir. Wir seien von der Presse. Wobei wir vielleicht ja gleich auch noch einige Schritte spazierengehen werden, sind wir dann „Teilnehmer“ eines offiziellen Spaziergangs?  Schwierig zu differenzieren.

Die beiden Polizeibeamten gehen etwas unschlüssig zu weiteren mutmaßlichen  „Spaziergängern“ weiter. Am Rathauseingang und gegenüber dem Busbahnhof harren Mitarbeiter des Ordnungsamts und der Security der Stadt Bergkamen abwartend der Dinge, die da kommen werden oder die möglicherweise auch nicht kommen werden; man weiß es nicht.

Es kursierte ein Aufruf im Internet zu einem „Spaziergang“, welcher nicht näher definiert wurde. Doch inzwischen hat sich ja sattsam herumgesprochen, dass unter der Chiffre „Spaziergang“ Protest kundgetan wird, nicht nur in Bergkamen, sondern in immer mehr anderen deutschen Städten auch an diesem 4. Adventswochenende. In Hamburg gingen 11.000 auf die Straße. Um Protest kundzutun gegen… gegen was eigentlich konkret?

Das möchten wir von einem der augenkundlichen Teilnehmer des Bergkamener Spaziergangs wissen. Er steht am Rand des Rathausplatzes und macht den Eindruck, er gehörte irgendwie dazu. Gegenüber „der Presse“ ist er sofort auf verbalen Krawall gebürstet.

„Warum ich hier bin? Fragen Sie mich das jetzt allen Ernstes?“, werden wir nach höflicher Anspreche von dem Herrn mittleren Alters in brauner Lederjacke angeblafft.  Als als wir wahrheitsgemäß antworten, ja, wir fragen das allen Ernstes, schließlich sind wir sind von der Presse, und Presse stellt Fragen… –  da schnauzt der Mann zurück: „Dann recherchieren Sie mal, warum wir hier sind! Das ist Ihre Aufgabe als Presse!“ Schluss. Funkelnder Blick.

Auf was wartet er jetzt? Mit Dank für den höflichen Austausch suchen wir weiter und finden kurz danach einen anderen „Spaziergänger“, der freundlicher ist, der gern mit uns sprechen möchte. Es ist ein 58-jähriger Mann aus Waltrop, der übers Internet auf diese Veranstaltung aufmerksam geworden ist, sagt er. Ebenso wie übrigens  eine junge Familie mit Kinderwagen aus Dortmund, die in der Nähe unserem Gespräch zuhört.

Es sei ihm wichtig, sagt uns der Herr im roten Anorak, dass er mit seiner Teilnahme hier und heute deutlich machen könne: „Das geht so nicht. Was die Politik mit uns macht… Ich finde das ganz schlimm. Man wird diffamiert, beschimpft, ausgegrenzt. Wir werden mit Radikalen und Verbrechern in einen Topf geworfen. Das ist alles ungeheuerlich, was mit uns gemacht wird.“

Wie würde er sich selbst bezeichnen? Er überlegt kurz. „Ich bin Impfkritiker“, antwortet er dann. „Ich kritisiere auch manche Coronamaßnahmen. Nicht alle“, er deutet auf seine FFP2-Maske, die er korrekt über Mund und Nase trägt. „Aber die 2G-Regel zum Beispiel.“

Dann sei er wahrscheinlich selbst nicht geimpft? „Nein“, bestätigt er, „ich bin nicht geimpft. Aber nicht, weil ich Corona anzweifle oder weil ich grundsätzlich gegen Impfen wäre. Ich möchte mich aber mit diesen Impfstoffen nicht impfen lassen. Niemand kennt die Langzeitfolgen. Ich lasse mich nicht zwingen, mich mit diesen Stoffen impfen zu lassen. Es hat einfach niemand darüber zu entscheiden, was mit meinem Körper geschieht – das entscheide ausschließlich ich selbst!“ Beifälliges Nicken bei den Umstehenden.

Dann holt der 58-jährige Impfkritiker aus Waltrop noch einmal weiter aus. Er erzählt von einem früheren Besuch im Konzentrationslager Bergen-Belsen, wo er sich, damals Soldat, geschworen hätte: So etwas dürfe sich nie wiederholen. „Und heute…?“, zweifelnder Blick, er tippt sich auf die Brust; „ich könnte mir fast einen Stern annähen. Aber das wäre eine Straftat.“ Der Holocaustvergleich setzt unserem Gespräch den natürlichen Schlusspunkt. Wir verabschieden uns mit höflichem Gruß.

Vorn am Busbahnhof bekommen wir gerade mit, wie eine Polizistin der Landespolizei eine ältere Frau gebetsmühlenartig auf die Maskenpflicht hinweist und die ältere Dame mit wachsender Fassungslosigkeit wiederholt, wieso Maske, sie sei doch hier draußen an der frischen Luft?! „Ich verstehe nicht, was das jetzt soll! Wir gehen hier draußen an der frischen Luft spazieren, wieso wollen Sie uns zu Masken zwingen?!“

„Es wurde hier im Internet für heute Nachmittag zu einer Veranstaltung aufgerufen“, unterstreicht die Beamtin und verdeutlicht ihren Gegenübern pointiert den Unterschied zwischen einem spontanen „Spaziergang“ und einer nicht angemeldeten Versammlung. „Leisten Sie also jetzt bitte unseren Anweisungen Folge!“ Auf Verständnis trifft das nicht. „Man fühlt sich wie ein Schwerverbrecher“, klagt die ältere Dame im Weggehen. Ob sie jetzt spazierengeht oder ob sie nach Hause geht, lässt sich nicht mehr nachverfolgen.

Wir selbst entdecken schon im Weggehen unseren Aggro-Gesprächspartner von vorhin noch einmal wieder, der sich, nachdem er uns eingangs wie beschrieben abgebürstet hat, noch ausgiebig echauffiert hat über den „Aufriss“, den die Landespolizei und die Stadt Bergkamen wegen dieses „Spaziergangs“ hier veranstaltet hätten. Wie unfassbar das sei, dieses Polizeiaufgebot für ein paar Spaziergänger. Wo man nur hingekommen sei in diesem Land.  Er hat sich inzwischen mit ein paar weiteren Personen auf den Bussteig begeben. Nun ist hier endgültig nicht mehr ersichtlich, wer hier heute mit welcher Motivation „spazieren geht“, wer neugierig herumsteht oder wer einfach auf seinen Bus wartet.

Die Polizeibullis fahren nach und nach wieder weg. Ein lokaler Pressefotograf  erzählt uns im Weggehen noch, dass er vorhin beim Aussteigen aus seinem Auto direkt mit „Die scheiß Zeitung“ begrüßt worden sei. Und dass ein Polizist ihm dazu scherzhaft gesagt hätte: „Warum soll es euch besser gehen als uns. Augen auf bei der Berufswahl!“

Es ist alles friedlich geblieben heute Nachmittag in Bergkamen. Das ist wohl das Wichtigste.

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Fotos: Redaktion Ausblick am Hellweg

  • Archivbild: Polizeibeamte diskutieren mit Teilnehmern eines "Spaziergangs" am Sonntag, 19. 12, in Bergkamen. (Foto Ausblick am Hellweg)

 

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