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Lesermeinung: Wenn Moralisten Führungsanspruch erheben – Der Konflikt zwischen Absolutheitsanspruch und Rechtsstaatlichkeit

Lesermeinung: Wenn Moralisten Führungsanspruch erheben – Der Konflikt zwischen Absolutheitsanspruch und Rechtsstaatlichkeit

Der Eklat um die Neheimer „Regenbogentreppe“, die Unbekannte über Nacht mit den deutschen Nationalfarben übermalten und damit bei den örtlichen Grünen einen Aufschrei wegen einer „rechtsextremistischen Tat“ provozierten, veranlasst einen Leser aus Soest zu folgendem ausführlichen Meinungsbeitrag.


Wenn Moralisten Führungsanspruch erheben: Der Konflikt zwischen Absolutheitsanspruch und Rechtsstaatlichkeit

Wer die grotesken Auswüchse deutscher Wirklichkeit erleben möchte, sollte seinen Blick auf die mittlerweile zu gewisser Berühmtheit gereifte Treppe am Neheimer Busbahnhof richten.

Im Juli 2025 schlug hier eine nach Selbstauskunft besonders wachsame – „woke“ – Minderheit einen weiteren Pflock gesellschaftlicher Umerziehung ein. Das unverfängliche Grau der Treppe
wich einem trügerisch einladenden, bunt schimmernden Allerlei. Der globale Kulturkampf war damit auch regional eröffnet, indem der öffentliche Raum mittels eines weithin sichtbaren, farbig erhobenen Zeigefingers in Beschlag genommen wurde. Dabei wurde mit diesem Farbenwirrwarr vielmehr eine unheilvolle Sackgasse gesellschaftlicher Scheintoleranz gepflastert. Positionierung wird eingefordert: Sei dafür oder dagegen. Kritik an der queeren Bewegung wird regelmäßig mit gesellschaftlicher Ächtung geahndet.

Wer nicht für den Regenbogen ist, wird als rückständig gebrandmarkt, bestenfalls belächelt.

Eine Reaktion der provozierten gesellschaftlichen Mehrheit war nur eine Frage der Zeit. Den besonders Genervten standen dabei viele Optionen offen. Sie hätten aus allen Variationen des Farbspektrums wählen können, um ihren Unmut über den Zugriff des moralischen Imperativs auf den öffentlichen Raum Ausdruck zu verleihen. Wer tatsächlich Verfassungsfeindliches im Schilde geführt hätte, hätte zweifellos diese Chance ergriffen – Schwarz-Weiß-Rot etwa, kombiniert mit einschlägigen Symbolen.

Doch all dies geschah nicht. Gewählt wurde Schwarz-Rot-Gold. Man hätte beim Anblick dieser gezielten Sachbeschädigung innehalten, einen Aufruf an die anonymen Provokateure richten und bestenfalls ein für beide Seiten gewinnbringendes Gespräch über die verschiedenen Sichtweisen von Toleranz und deren Grenzen führen können. Tat man aber nicht.

Stattdessen drängt sich unweigerlich der Eindruck auf, die Initiatoren der Regenbogentreppe hätten in der nächtlichen Umgestaltung ein geradezu herbeigesehntes Fanal erkannt – einen vermeintlichen Beleg fortwährender Missachtung der queeren Community und zugleich eine Bühne für demonstrativ inszenierte Empörung gefunden. Und so brandmarkte die zur Mäßigung verpflichtete, mit einem staatlichen Bildungs- und Neutralitätsauftrag betraute und zugleich für Bündnis 90/ Die Grünen im Arnsberger Stadtrat sitzende Beamtin Verena Verspohl – einer breiten öffentlichen Resonanz über digitale Medien gewiss – die vermeintlich verunstaltete Treppe nicht als rechte – man mag staunen – gar als eine „rechtsextreme Aussage“.

Diese Tat sei ein Akt „gegen Vielfalt, gegen Queere, gegen Frieden, Freiheit und eine bunte Gesellschaft, pro Nationalismus“. Die Opferrolle wurde vollends angenommen. Diese Tat könne man, so Verspohl, nicht
fehlinterpretieren. Mit dieser Aussage hat sie unfreiwillig bewiesen: Kann man doch.

Schwarz-Rot-Gold ist keineswegs politisches Accessoire, kein Parteibanner und schon gar keine modische Provokation. Es ist seit den Befreiungskriegen ein Symbol, das selbst die düstersten Irrwege deutscher Geschichte überlebt hat.

Diese Farben stehen seit 1848 für Einigkeit, Recht und Freiheit – sie sind der sichtbare Ausdruck dessen, was Demokratie bedeutet.

In der Frankfurter Paulskirche flankierten sie die Niederschrift der Grundrechte, die 100 Jahre später teilweise wörtlich Einzug in unser Grundgesetz fanden.

Die Farben sind Zeichen des Widerstands gegen Absolutismus und Unterdrückung. Sie sind Zeichen des Mutes gegenüber ideologischer Bevormundung und Willkür. Nachdem sich Europa 1914–1918 nahezu selbst zerfleischt hatte, entschieden sich die aus Berlin vor rechts- und linksextremer Gewalt geflohenen Demokraten in Weimar bewusst für diese Farben als Symbol des demokratischen Neuanfangs, um sich vom unheilvollen Obrigkeitsstaat abzugrenzen. Dieser Farbendreiklang begleitete die erhoffte Neuausrichtung der deutschen Kulturnation im Geiste von Goethe und Schiller als Hort des Humanismus.

Dies gelang nicht. Die Nationalsozialisten verachteten diese Farben zutiefst und verbannten sie nach der „Machtergreifung“ aus dem öffentlichen Leben. Sie bedienten sich der alten Farben des Kaiserreichs und formten daraus die blutrote Fahne mit weißem Kreis und schwarzem Hakenkreuz. 1949 bekannte man sich abermals – nun unter der Last eines schweren Erbes – zu diesen Farben. Erblickt man sie heute
vor Regierungs- und Verwaltungsgebäuden, in Fankurven bei Länderspielen, auf Schützenfesten, bei sonstigen Feierlichkeiten, vor deutschen Botschaften oder gar in Feldlagern der Bundeswehr im Ausland, kann man zumeist sicher sein, dass sich die Menschen dort – unabhängig von Parteizugehörigkeit oder Positionierung zu politischen Einzelfragen – mit den im Grundgesetz festgeschriebenen Artikeln identifizieren: Recht auf Leben (Art. 2 II), Gleichheit vor dem Gesetz und Gleichberechtigung von Mann und Frau (Art. 3 I, II), Meinungs- und Pressefreiheit (Art. 5 I), Versammlungsfreiheit (Art. 8 I), Asylrecht (Art. 16). Sollte man
zumindest meinen.

Dass eine Lehrerin eine profane Sachbeschädigung als „rechtsextreme Aussage“ bezeichnet, zeugt von der Bildungsmisere in diesem Land. Dass eine solche Äußerung gar von einer Schulleiterin stammt, die ein Kollegium leitet und weisungsbefugt ist, hebt diese Problematik auf eine höhere Ebene. Es ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck der nach wie vor mit Befangenheit besetzten
Auseinandersetzung mit der Nationalflagge, deren Symbolkraft unerkannt bleibt und oft ignoriert wird.

Verspohls Parteifreund, der ehemalige Kanzlerkandidat Robert Habeck, stellte 2010 fest, dass „Schwarz-Rot-Gold“ nicht nur ein „ziemlich hässliches Arrangement“ sei, sondern bemerkte mit überhöhter „intellektueller Redlichkeit“, dass dieser „Partypatriotismus“ immer noch besser als „Blut und Boden“ sei. Auch der aktuelle Parteivorsitzende, Felix Banaszak, geriet in sichtliche Schräglage, als er 2025 zu seinem
Verhältnis zum Vaterland Stellung beziehen sollte. Selbst vermeintlich konservative Kreise, wie die ehemalige Kanzlerin, fremdeln zuweilen mit den Symbolen unserer Verfassung. 2013 schob sie ein ihr angereichtes Deutschlandfähnchen mit sichtbarem Missfallen beiseite.

In alledem offenbart sich mehr als jenes von Gustav Heinemann 1969 lakonisch formulierte Bonmot: „Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau, fertig!“ Liebe zum Land mag keine staatsbürgerliche Pflicht sein, doch Zuneigung kann sich nicht nur auf vertraute Menschen, sondern auch auf das eigene Umfeld erstrecken. Ein unverkrampftes, sachliches Verhältnis zu den Symbolen der eigenen Verfassungsordnung sollte in einer gefestigten Demokratie selbstverständlich sein, gerade von Beamten, die ihren Eid auf die Bundes- oder Landesverfassung geleistet haben.

Dieses Unwohlsein in Bezug zur Nationalflagge als bewährtes Symbol der Demokratie steht symptomatisch für eine kleine, aber keineswegs zu unterschätzende, gesellschaftspolitisch zudem sehr einflussreiche Minderheit: jung oder sich jung fühlend, progressiv auftretend, überzeugt von der eigenen moralischen Überlegenheit und sich zur gesellschaftlichen Umgestaltung berufen fühlend. Katrin Göring-Eckards Ankündigung 2015 steht dafür exemplarisch: „Unser Land wird sich verändern und zwar drastisch. […] Ich freu’ mich d’rauf.“

Diese Minderheit wirkt in einer historischen Phase, die die Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit nicht mehr kennt. Sie hat ferner die Ausrichtung des moralischen Kompasses im Angesicht der nationalsozialistischen Verbrechen bereits mit der Muttermilch aufgenommen – ein Maßstab, um den die Generationen vor Richard von Weizsäckers epochaler Rede 1985 noch mühsam ringen mussten. Mit der Wiedererlangung der staatlichen Einheit 1990, dem Wegfall der existenziellen Bedrohung aus dem Osten und zunehmendem ökonomischen Wohlstand fühlt sich dieser Teil der jungen Generation berufen, ihr
Selbstverständnis und ihr politisches Handeln primär über moralische Kriterien auszurichten.

Bewährte staatliche Symbole wie die Nationalflagge geraten so leicht unter Ideologieverdacht – nicht aus historischer Notwendigkeit, sondern aufgrund eines moralischen
Koordinatensystems, das zur eigenen Prämisse erhoben wird. Demokratieverständnis wird so zum Spielball individueller Launen und dient nicht zuletzt der moralischen Selbsterhöhung. Das öffentlich-rechtliche Meinungsmilieu stützt diesen Kurs ungeachtet sinkender Vertrauenswerte. Politische Fragen werden auch hier bevorzugt in moralische Kategorien überführt – prominent vertreten
durch Georg Restle, Dunya Hayali, Sarah Bosetti oder Anja Reschke.

Die Renaissance der Partei die Linke, die sich selbst über jedwede Kritik erhaben und sich sozial gerecht positioniert, mit Heidi Reichinnek als Ikone an der Spitze, überzeugte bei den vergangenen Bundestagswahlen 26 % der Erst- und Jungwähler von ihrer Programmatik. Dies muss als Alarmsignal verstanden werden – erst recht, wenn politische Komplexität durch moralische Heilsversprechen ersetzt wird und die Nachfolgepartei der SED unübersehbar damit hadert, das DDR-Regime unmissverständlich als Unrechtsstaat zu brandmarken.

Diese Minderheit hat sich ein normatives Paralleluniversum erschaffen, das nun unübersehbar unter dem Druck der Realitäten zusammenbricht. 2015 konstruierte sie das Idealbild des schutzbedürftigen, integrationswilligen und dankbaren Flüchtlings. Die Wirklichkeit verweigerte unterdessen die Gefolgschaft. Messer- und Gewaltdelikte von Zugewanderten sprengen die bisherigen
Kriminalitätsstatistiken, erwartete Integration wird in weiten Teilen abgelehnt, und viele verweigern sich einem aktiven Broterwerb, da die für den Notfall vorgesehene staatliche Sozialfürsorge bereitsteht. Zugleich werden die Einführung einer Bezahlkarten oder die Anordnung einer Arbeitspflicht als unerhörte Diskriminierung, ja sogar als „Zwangsarbeit“ verurteilt.

Vereinzelte und hart errungene Abschiebungen von unbekehrbar in Erscheinung getretenen Intensivstraftätern in ihre Heimatländer werden vehement und regelmäßig mit nicht weniger als einen Verstoß gegen die Menschenrechte skandalisiert, indem u.a. auf unzureichende Standards der Gerichtsbarkeit in den Zielländern verwiesen wird. Obwohl Staaten wie Polen oder Ungarn hierzulande gern als moralisch rückständig etikettiert werden, müssen diese Länder ihre Weihnachtsmärkte nicht Jahr für Jahr in befestigte Wagenburgen verwandeln. Unterdessen erhitzt hierzulande der Begriff „Stadtbild“ die Gemüter.

Antisemitismus zeigt sich heute in veränderten Formen als bei Gedenkveranstaltungen, die – zu Recht – begangen werden. Gewalt gegen Juden erreicht nicht zufällig mit dem Überfall der Hamas auf Israel ein in der Bundesrepublik bislang unbekanntes Ausmaß. Dieser leichtfertig importierte Konflikt wird besonders an Universitäten aber auch an Schulen ausgetragen: Hörsäle werden insbesondere von Studierenden mit arabisch-muslimischem Hintergrund demoliert und mit judenfeindlichen Parolen beschmiert. Teilweise erhalten diese Aktionen Unterstützung von linkspolitisch aktiven Gruppen, deren teils queere Identität unter normalen Umständen eine Allianz mit islamistisch motivierten Akteuren ausschließen würde.

Jüdische Studierende werden nicht nur beleidigt, sondern teilweise regelrecht verdroschen. Einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt wird sich hingegen aus Angst vor verletzten Gefühlen oder Wutausbrüchen entzogen. Unverhohlen auf den Straßen skandierte Parolen, die Sympathie und Unterstützung für die Hamas oder sonstiger Terrororganisationen ausdrücken, werden vielfach nur mit dem stillen Wunsch begleitet, das Geschrei möge bald verstummen oder einfach vorbeiziehen. Die abermalige Osterweiterung der EU wurde leichtfertig gefeiert, während die Ausnutzung des Sozialstaates in Ruhrgebietsstädten durch teils hunderte zugewanderte Personen ohne Arbeitsabsicht – überwiegend aus Rumänien und Bulgarien – weitgehend lakonisch hingenommen wird. Statt das Problem aktiv anzugehen, konzentriert sich die meinungsstarke Minderheit auf die Unzulässigkeit des Begriffs „Zigeuner“.

Das aus einer Kombination aus Naivität und moralisch überhöhter Vision gesetzte Ziel, mit Windrädern und Solarpaneelen der Welt ein Vorbild zu sein, mündet nicht nur in den weltweit
höchsten Energiepreisen, sondern wird begleitet vom Einkauf verächtlich gemachten Atomstroms aus französischen Meilern sowie Fracking-Gas aus nunmehr vergifteten amerikanischem Schiefergestein – Gasbohrungen vor Borkum kommen hingegen nicht in Betracht. Der Anspruch moralischer Kohärenz ist ökonomischer Abhängigkeit gewichen – die unterwürfige Verneigung des ehemaligen Wirtschaftsministers Habeck vor dem katarischen Emir spricht Bände.

Auch die eigenmächtig zur Kunst erklärten Benin-Bronzen gerieten zum Fiasko, als sich herausstellte, dass ihre Legierungen aus dem rheinischen Bergbau stammten und die Statuen selbst nicht – wie insgeheim erhofft – von zu bemitleidenden Sklaven, sondern von Handwerkern im Auftrag der Sklavenhändler angefertigt worden waren. Obschon das von europäischen Moralisten dafür angedachte Museum in Afrika wohl nie erbaut wird, überwiesen die kurzerhand zu Kunstsachverständigen erklärten Politikerinnen Annalena Baerbock und Claudia Roth die dafür zugesagten Fördergelder aus Steuermitteln vorab an Nigeria.

Dies scheint der Preis einer wertegeleiteten Außenpolitik zu sein, auch wenn eine historisch belegbare deutsche Verantwortung am Sklavenhandel in Westafrika nicht nachgewiesen werden kann. Von der Mitte der 1950er Jahre mit der Parole „Samstag gehört Vati mir“ über die Forderung nach der 35-Stunden-Woche in den 1990er Jahren bis hin zum „Work-Life-Balance“-Postulat der 2010er Jahre: Immer stärker wird eine Viertagewoche als unerlässlich propagiert, um das Leben mindestens lebenswert zu gestalten – bei sicheren und selbstredend erfüllenden Arbeitsplätzen sowie gleichbleibendem oder gar steigendem Wohlstand. Der stille Exodus von deutschen Unternehmen ins Ausland zeichnet jedoch ein anderes, dramatisches Bild und mahnt eindrücklich vor dem drohenden Unheil dieser Entwicklung.

Quotenregelungen sowie Girls- und Boys-Days beruhen auf der Illusion, beide Geschlechter hätten identische Berufspräferenzen – selbst wenn dafür wissenschaftlich belegte Unterschiede zugunsten des moralischen Ziels der paritätischen Berufswahl beiseitegeschoben werden müssen. Während Frauen in autoritären Staaten tendenziell häufiger in MINT-Berufen beschäftigt sind, entscheiden sich Frauen in liberalen Ländern häufiger für Berufe in den verpönten, sogenannten „Frauenberufen“. Eine antidiskriminierende Partizipation von Frauen bis in den Spitzensport wird als Maxime propagiert – selbst um den Preis, dass nach eigenem Bekunden weiblich fühlende Männer bei Olympischen Spielen „Cis-Frauen“ aus den Ring fegen oder sie bei Lauf- und Schwimmwettkämpfen deklassieren und sie damit um die Früchte jahrelangen Trainings bringen.

Die moralische Basta-Politik der SPD, plakativ zusammengefasst mit „Trans*frauen sind Frauen. Punkt.“, mag für den umsonst geflossenen Schweiß und die bitter vergossenen Tränen in der Niederlage
wahrlich kein Trost sein. Für einen Großteil dieser Generation gilt es als Naturgesetz, in Sicherheit zu leben. Zugleich wird weniger als ein Jahr Wehrdienst – dem man sich leicht durch Verweigerung entziehen könnte – bereits als unverzeihlicher Eingriff in den eigenen Lebensentwurf abgelehnt. Eine medizinische Rundumversorgung auf höchstem Niveau wird erwartet, doch das ökonomische Fundament für deren Finanzierung steht unmittelbar vor dem Kollaps – auch, weil es Moralisten für geboten halten, selbst diejenigen von diesem System profitieren zu lassen, die nie eingezahlt haben.

Geäußerter Unmut durch die rational denkende Mehrheit der Gesellschaft über all diese Entwicklungen mündet regelmäßig in Forderungen nach höheren Abgaben, dem Vorwurf der Demokratiefeindlichkeit, Meldeportalen für unbequeme Bürger, das ins Feld führen von so genannten NGOs und ideologischer Brandmauerpolitik gegen die AfD – ungeachtet einer möglichen inhaltlichen Übereinstimmung. Längst überfällige Reformen in all diesen Bereichen werden kurzerhand durch das Auflegen ungedeckter „Sondervermögen“ zugeschüttet. Die Weigerung, unangenehme aber vernunftbasierter Entscheidungen zu treffen, lässt immer mehr Menschen am Kurs der selbsternannten demokratischen Parteien zweifeln – und viele suchen ihr Heil notgedrungen bei der AfD.

Dieser bundesweit zu beobachtende gesellschaftspolitische Kurs einer selbstauferlegten, fatalen moralischen Engstirnigkeit ist für jeden mit wachem Blick auch im regionalen Umfeld zu beobachten. Nicht nur die „Neheimer Regenbogentreppe“ ist dabei zu nennen. Im vergangenen Jahr wurden Schülerinnen und Schüler an einer weiterführenden Schule in Werl im Rahmen einer Mottowoche zum Thema „Nationalitäten und Kulturen“ aufgefordert, Flaggen mit zur Schule zu bringen. Neben türkischen, tunesischen, syrischen, irakischen, palästinensischen und russischen Flaggen war sogar eine UÇK-Flagge zu sehen, die ungeniert der Kamera präsentiert wurde. Niemand – auch nicht die Lehrerin – integrierte die schwarz-rot-goldene Fahne in dieses wirre Flaggenmeer.

Die Flagge, die Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit verkörpert, blieb dieser Szenerie fern, um Flaggen den Raum zu geben, die für Länder und Organisationen stehen, die von autoritären oder gar diktatorischen Strukturen geprägt sind und vor denen nicht wenige dieser Schüler geflohen waren.

Ein ukrainischer Schüler meiner Schule, der diesem Spektakel zufällig beiwohnte, fragte mich, weshalb die Schüler der angrenzenden Schule die russische Fahne derart offen präsentieren dürften. Selber
Schüler fragte mich ferner, weshalb denn keine Deutschlandfahnen an unseren Schulgebäuden zu sehen seien. Wie hätte ich diesem vor dem russischen Angriffskrieg geflohenen Kind den Irrsinn der deutschen Unterwerfung erklären sollen? Stattdessen wurden an demselben benachbarten Schulgebäude Parolen wie „Fuck the Police“ und „Free Palestine“ hinterlassen.

Wer Schwarz-Rot-Gold als gelegentliches Beiwerk abtut, offenbart nicht nur mangelnde Wertschätzung gegenüber der demokratischen Tradition unseres Landes und den Leistungen vorheriger Generationen, die aus dunkelster Zeit heraus ein freies und zugleich prosperierendes Gemeinwesen in einem friedlichen Europa aufgebaut haben. „Malt Euch zu Hause in Nationalfahnen [an], hängt Euch die Fahne in den Garten, macht was ihr wollt“, so der moralisch-aufgeladene Appell Verspohls zum Ende ihres digitalen Pamphlets. Man mag genau umgekehrt argumentieren. Nur die Farben Schwarz-Rot-Gold stehen für das friedliche, freie und tolerante Zusammenleben aller Bürger. Nur sie garantieren die gelebte Demokratie, die Möglichkeit, Meinungen frei zu vertreten, auf Rechte zu vertrauen und Konflikte ohne Zwang zu lösen.

Andere Flaggen und Farben mögen zu Hause, in Vereinen oder im Rahmen gesellschaftlicher Initiativen ihren legitimen Platz haben. Der öffentliche Raum, öffentliche Gebäude und insbesondere Schulen sind keine Austragungsorte identitärer Symbolpolitik. Die Entscheidung von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, anlässlich des Christopher Street Days die Regenbogenflagge 2025 nicht auf dem Reichstagsgebäude zu hissen, kann als bewusste Rückbesinnung auf das staatliche Neutralitätsgebot verstanden werden. Das Parlamentsgebäude führt die Bundes- und Europaflagge als Hoheitszeichen aller Bürger und darf sich nicht von Symbolen einzelner gesellschaftspolitischer Bewegungen funktional vereinnahmen lassen.

Umso problematischer wirkt das regionale Gegenbild. Die CDU Arnsberg verkündete nach dem Übermalen der sogenannten Regenbogentreppe in Neheim mittels digitalen Plakats: „Der Regenbogen und Schwarz-Rot-Gold gehören zu uns.“ Beide Flaggen wurden in Größe und Aussage gleichrangig nebeneinander dargestellt.

Genau darin liegt der kategoriale Fehler:

Die Bundesflagge ist verfassungsrechtlich normiertes Staatssymbol; die Regenbogenflagge Ausdruck einer gesellschaftlichen Bewegung. Wer diese Differenz verwischt, löst staatliche Identität in politische Beliebigkeit auf. Wer meint, Toleranz mit bestimmten Symbolen demonstrieren zu müssen, begreift nicht, dass Freiheit universell und nicht einseitig definiert werden kann.

Diese symbolpolitische Beliebigkeit bleibt nicht folgenlos. Sie untergräbt nicht nur das bürgerrechtliche Fundament, sondern greift mittelbar auch die ökonomische Substanz unseres Landes an. Ein Gemeinwesen, das seine normativen Grundlagen relativiert, verliert jene Klarheit, die Vertrauen schafft – nach innen wie nach außen. Wer diese Zusammenhänge verkennt, beschädigt zugleich jenes Bild Deutschlands, das international über Jahrzehnte hinweg geschätzt wurde: Pragmatismus, Verlässlichkeit und Innovationskraft.

„Made in Germany“ war ursprünglich als Warnhinweis vor deutschem „Import-Ramsch“ gedacht. Durch Fleiß, technische Exzellenz und industrielle Disziplin stand dieses Label alsbald für ein unangreifbares Qualitätssiegel – Synonym für Präzision, Ingenieurskunst und Leistungsfähigkeit. Heute droht eine erneute Verschiebung in einen Warnhinweis. Zunehmend wird das Prädikat mit Überregulierung, normativer Selbstüberhöhung entlang globaler Lieferketten, administrativer Komplexität und schwindender Innovationsdynamik assoziiert.

Wo einst nüchterne Problemlösung dominierte, tritt moralische Selbstvergewisserung an die Stelle praktischer Vernunft. Die Weigerung zu klarer Unterscheidung – insbesondere zwischen staatlichem Hoheitszeichen und politischem Bekenntnissymbol – sowie das Zulassen einseitiger Symbolpolitik führen daher nicht zu größerer Offenheit, sondern zu Unschärfe, Wertverschiebung und im Extremfall zu gesellschaftlicher Polarisierung. Heilsamer wäre es, auch im Bildungsbereich, weniger öffentlichkeitswirksam zu agitieren und stattdessen innezuhalten: Geht es um echte Bildung im Sinne mündiger
Urteilsfähigkeit – oder um die Weitergabe vorgefertigter moralischer Gewissheiten? Sollen Schülerinnen und Schüler zur eigenständigen Reflexion befähigt werden – oder zur Übernahme ideologischer Positionen?

Ob Frau Verspohl diesem Anspruch jemals gerecht wurde, darf bezweifelt werden. Der Druck wird nachlassen, die anhängige Dienstaufsichtsbeschwerde vermutlich fallengelassen, und eine neue moralisch aufgeladene Empörung wird die öffentlicheAufmerksamkeit auf sich ziehen. Frau Verspohl wird sich bestätigt fühlen.

Die woke Revolution frisst weiterhin ihre eigenen Kinder, und der Verfall Deutschlands setzt sich vorerst fort. In sehnsüchtiger Erwartung des Gebrauchs von Verstand – und in bewusster Abweichung von Kants Intention: „Habe den Mut, dich deiner eigenen Moral zu bedienen.“ – der Wahlspruch eines selbstverschuldeten Untergangs.

  • Jens Hanfland, Soest 

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