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Der Unvollendete: PR-gepushter 190.000 €-Radweg „RK41“ endet weiterhin im brandenden Verkehr auf der B1

Der Unvollendete: PR-gepushter 190.000 €-Radweg „RK41“ endet weiterhin im brandenden Verkehr auf der B1

Ende bzw. Anfang des 190.000 Euro-Radwegs zwischen Ostbüren und der B1. Rüber zur Lünerner Bahnhofstraße oder von der Lünerner Bahnhofstraße zum neuen Radweg geht es im 100er-Bereich über die B1. (Foto AaH)

Als „ideale Verbindung“ für Radler von Ostbüren zur B1  lobten diese 1,8 Kilometer Asphalt Anfang April der Landrat und sein Dezernent.

Man lud mit viel Pressegetöse zur Jungfernfahrt durchs Feld ein und stieg zu diesem Zweck auf E-Bikes der AWO-Radstation, denn schließlich wollten die zur B1 hinuntergeradelten bzw. gerollten 1,8 Kilometer auch wieder hinaufgeradelt sein.

Zur Probefahrt auf E-Bikes der Radstation hatten Landrat Mario Löhr (3.v.l.), Baudezernent Ludwig Holzbeck (5.v.l.), Fachbereichsleiter Florian Farwick (r.) und Sachgebietsleiter Straßenbau Jürgen Busch (3.v.r.) den Bürgermeister aus Unna Dirk Wigant (l.) und Bürgermeisterin aus Fröndenberg Sabina Müller (4.v.l.) eingeladen. Foto: Max Rolke – Kreis Unna

 Der Dezernent selbst, Ludwig Holzbeck, bewältigte die Strecke auf einem normalen Fahrrad, dies soll zur Ehrenrettung nicht unterschlagen werden,  wobei Holzbeck gleichzeitig die 1,8 Kilometer an den Ostbürener Windrädern vorbei in den höchsten Tönen pries als Errungenschaft, auf die sein Dezernat so lange hingearbeitet habe. Endlich ein Radweg entlang der  K41!

Diese K41 kennt man landläufig als „Ostbürener Straße, wo es zur Deponie hochgeht“, und sie wurde im Zuge des Radweg-Coups eben mal um 3 Meter in der Breite gekappt. Man darf (als Fahrer eines KfZ) dort jetzt nur noch 70 fahren darf statt zuvor 100. Und auf der Kreuzung unten, auf der es leidlich schon Tote gab, darf man nicht mehr separat rechts abbiegen in Richtung Werl, obwohl sämtliche schweren Unfälle in den letzten Jahren in Gegenrichtung passierten.

Aber dies nur am Rande, die Todeskreuzung soll hier nicht das Thema sein.

Tod, konkreter Todesgefahr ist dennoch hier das Thema. Denn dieser Radweg „K41“, nennen wir ihn RK41, auf den im Kreishaus so mühe-und zeitaufwändig hingearbeitet wurde, ist ein Unvollendeter. Es fehlt ihm, jetzt gut  zweieinhalb Monate nach jener pressewirksamen Eröffnungsrolltour am frisch-bewölkten 6. April, nach wie vor an praktisch allem, was eine moderne, immerhin 3 Meter breite und 190.000 Euro teure Radverbindung ausmacht.

Zugegeben malerisch schlängelt sich die Neupflasterung  nördlich der A44 durch die Felder, in denen die Windräder rotieren. Da möchte man sich setzen und genießerisch mit Blick auf die Hellwegdörfer in der Ferne verweilen, sei es als Spazierradler, sei es als Spaziergänger, denn die multifunktionale Neuerwerbung ist auch als Gehweg ausgewiesen.

Man möchte sich also setzen, kann es aber nicht, denn es gibt genau eine Bank, und die ist in etwas verrottetem Zustand. Es fehlen auch Abfalleimer, aber dies ist tatsächlich eine Nebensache, verglichen mit dem großen Ganzen. Wir wollen jetzt nicht Erbsen zählen.

Was aber wirklich massiv und höchst alarmierend fehlt an diesem Premium-Radweg, ist jedwede Möglichkeit, halbwegs ohne Gefahr an Leib und Leben den Sprint über die dicht befahrene B1 zu schaffen.

Dass feldabwärts an der B1 landend ein Hinweisschild „Radweg endet hier“ fehlt, wie eine Leserin kritisch monierte, dürfte aus Sicht der Radwegeplaner des Kreises sogar korrekt sein;  denn der Radweg „endet“ nicht auf der Bundesstraße, sondern er wird von ihr lediglich unterbrochen.

Auf der gegenüberliegenden Seite, der Lünerner Bahnhofstraße, setzt sich die Radverbindung gen Norden des Kreises schnurgeradeaus fort. Das muss man wissen als Radfahrender, denn diese enge, von Schlaglöchern übersäte Rumpelpiste drängt sich nicht wirklich als Fahrradstrecke auf, weder beim ersten noch beim wiederholten Eindruck.

Die Bahnhofstraße gilt gleichwohl eine offizielle Radwegeverbindung des Kreises, obgleich der gleichrangig hier zugelassene motorisierte Verkehr munter 70 Stundenkilometern einherjagen darf und das auch gern und eifrig tut.

Die enge, kaputte Lünerner Bahnhofstraße ist eine ausgewiesene Radwegverbindung in den Norden Unnas. (Foto AaH)

Das alles ist aber Kinderkram angesichts der haarsträubenden Querungssituation selbst:

Das einzige, was an dieser Stelle der vielbefahrenen Bundesstraße auf die Möglichkeit querender Zweiradfahrer oder gar Fußgänger hinweist, ist ein bescheidenes Schild, das bei dem erlaubten Tempo schnell (Wortwitz) mal übersehen oder nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen wird vom Auto- oder Lieferfahrzeugfahrenden. Denn erlaubt sind auf der B1 in diesem Einmündungsbereich tatsächlich 100 Stundenkilometer.

In Richtung Werl folgt ein Limit auf 70 km/h  kurz vor der Kreuzung zur Ostbürener Straße, in Gegenrichtung nach Unna wird der Verkehr auf der B1 unmittelbar im Kreuzungsbereich  auf 50 heruntergebremst – aber nur 250 m weit „aufgrund von Straßenschäden“.

An der Lünerner Bahnhofstraße ist dieses 50 km/h-Limit bereits wieder aufgehoben, weshalb dort tatsächlich die übliche Höchstgeschwindigkeit einer Bundesstraße statthaft ist.

Als Funfact am Rande ist die Radweg-Errungenschaft „RK41“ aus Richtung Werl (wenn man durch die Felder durch Büderich, Holtum und Hemmerde in Richtung Westen radelt) nirgends ausgeschildert. Es gibt diesen Radweg aus dieser Perspektive nicht.

Radtouristen mit Zielort „Fröndenberg“ werden schon Kilometer weiter östlich quer über die B1 bergauf geschickt – ausgerechnet über Siddinghausen und damit über die wahrscheinlich kaputteste Hauptverkehrsstraße im gesamten Kreis Unna. Selbst das 30er-Limit wegen (extremer) Straßenschäden birgt dort noch extreme Stoßdämpfergefahren für arglose KfZ-Fahrer, als Zweiradfahrer sollte man besser absteigen und schieben.

Gleichwohl klopften sich die Projektbeteiligten des „RK41“ beim Eröffnungs-E-Biken stolzgeschwellt gegenseitig auf die Schultern:

„Dies war so nur möglich, weil uns die Stadt Fröndenberg/Ruhr und die Kreisstadt Unna ihre Flächen kostenfrei überlassen haben. Gemeinsam konnten wir die Radinfrastruktur im Kreis verbessern.“

Wir erlaubten uns auch aufgrund reichlicher Leserkritik einige Anfragen an den Kreis, den dieser in den Osterferien beantwortete. Getan hat sich nichts seither, deshalb atmen die folgenden Antworten aus dem Kreishaus zeitlose Aktualität.

1. War die Umwidmung/Neunutzung des „Wirtschaftsweges“ für den Radweg zuvor mit den Landwirten abgestimmt,  die dort zu ihren Feldern kommen müssen?

  • Die Erreichbarkeit der landwirtschaftlichen Flächen ist nicht beeinträchtigt, da keine Poller o.ä. die Zufahrt zum Radweg beeinträchtigen. Durch den Ausbau ist die Befahrbarkeit, die Breite und auch Verbreitungen in der Kurve sogar eine Verbesserung erreicht worden. In den Übertragungsverträgen von den beiden Städten auf den Kreis ist die dauerhafte Erreichbarkeit und die Nutzung durch Landwirte notariell festgeschrieben. Dies gilt auch für die Windenergieanlagen.

2. Wie soll die gefährliche Situation gelöst werden, wenn Radler auf der B1 ankommen und zur Lünerner Bahnhofstraße queren müssen?

  • Die Stadt Unna wird als Straßenverkehrsbehörde auf den Landesbetrieb Straßen NRW zugehen, um durch Hinweisschilder (Vorsicht Radfahrer und Geschwindigkeitsreduzierung) hier Abhilfe zu schaffen. Das Instrument hierzu ist die straßenverkehrsbehördliche Anordnung, die allerdings nur in Abstimmung mit dem Straßenbaulastträger(Straßen NRW) erlassen werden kann. (Anm. unserer Redaktion: Laut Kreisdezernent Holzbeck sollte all dies schon im vergangenen Herbst geschehen. Da nichts geschah, baute der Kreis den Radweg kurzerhand erst mal ohne Querungssicherheit. Schließlich sei die eine Sache von Stadt und Land.)


3. Hält der Kreis die bekannt unfallträchtige, enge Lünerner Bahnhofstraße für eine empfehlenswerte Radstrecke? Sind dort Vorkehrungen zum Schutz der Radler geplant?

  • Bezgl. der Fragestellung Unfallhäufung ist die Lüner Bahnhofstraße als sicherer einzustufen als die Kreuzung der K24 mit der B1. Die Lünerner Bahnhofstraße ist keine Kreisstraße, sondern eine Gemeindestraße in der Verantwortung der Stadt, sodass dort sowohl die baulichen wie die verkehrsbehördlichen Maßnahmen in einer Hand liegen
    Die Stadt Unna beabsichtigt zudem durch verkehrslenkende Maßnahmen (Geschwindigkeitsreduzierung, Markierungen und/oder Piktogramme) die Sicherheit weiter zu erhöhen. Weitere Nachfragen diesbezüglich richten Sie bitte an die Stadt Unna. (Anm. unserer Redaktion: Machen wir glatt noch, denn zweieinhalb Monate später ist wie erwähnt nichts geschehen.)

4. Die Unfallkreuzung Ostbürener Straße/B1 ist seit dem Umbau ohne separate Rechtsabbiegemöglichkeit in Richtung Werl. Geht der Kreis davon aus, dass diese alleinige Maßnahme die Sicherheit dort erhöht?

  • Die Ostbürener Straße hatte bisher keine Rechtsabbiegespur auf die B1 in Fahrtrichtung Werl. Die Aufstellfläche war jedoch so breit, dass zwei Fahrzeuge nebeneinander stehen konnten. Diese Situation erzeugte in der Vergangenheit einige Unfälle durch die gegenseitige Sichtbehinderung. Im Zuge der Unfallanalyse der Einmündung durch die Unfallkommission war die Verengung der Fahrspur mit dem Ziel der Vermeidung von zwei nebeneinander stehenden Fahrzeugen eine wesentliche Verbesserung, die nur im Zuge von Umbaumaßnahmen durchgeführt werden konnte. Im Kreisgebiet wurden schon mehrfach Einmündungen mit großem Erfolg entsprechend umgebaut. Die Unfälle sind an den Orten deutlich zurückgegangen.

5. Bleibt es an dieser Gefahrenstelle bei Tempo 70 in Fahrtrichtung Werl und 50 nur in Gegenrichtung?

  • Die Geschwindigkeit ist aufgrund der Einmündung im Zuge der B1 von 100 km/h auf 70 km/h reduziert. Die Sichtverhältnisse lassen ein Geschwindigkeitsniveau von 70 km/h zu. Die Fahrtrichtung Unna ist aufgrund von Fahrbahnschäden auf 50 km/h reduziert und würde nach einer Sanierung auf 70 km/h geändert. Das ist eine Entscheidung von Straßen NRW.

Kommentare

WORDPRESS: 5
  • Christine Bauer vor 6 Monaten

    Kenne weder die Örtlichkeit noch die Straßen. Dem Text jedoch entnimmt man ein wunderbares Sprachgefühl. Super trocken geschrieben, liebe „Redaktion“!

    • Liebe Frau Bauer, herzlichen Dank für das nette Lob. Der Text wurde von unserer Autorin Silvia Rinke verfasst, die selbst begeisterte Radlerin ist und immer wieder an den sogenannten Radwegem unseres schönen Kreises schier verzweifelt. 😁

  • […] gerade auf einer Radtour über die Ostdörfer rund um Unna unterwegs gewesen! Den neuen Radweg von der Ostbürener Straße zur B1 finde ich als Start für ein neues Radwegenetz ganz gelungen. Die Situation vor der B1 ist eine […]

  • Wolfgang Barrenbrügge vor 3 Monaten

    Ein Kommentar lobt das wunderbare Sprachgefühl der Autorin, welches sicherlich in der gendergerechten Sprache von „Radfahrenden“ statt von „Radfahrern“ zum Ausdruck kommt. Umso mehr ist es verwunderlich, daß von „Zweiradfahrern“ statt von „Zweiradfahrenden“ und von „Fußgängern“ statt von „Zufußgehenden“ die Rede ist. Wunderbar ist auch die Verwendung des Begriffs „Funfact“.

    • Lieber Herr Barrenbrügge, als Autorin des Beitrags kann ich Ihnen versichern, dass ich weder gegenwärtig noch künftig zu gendern plane. Selbiges gilt für meinen geschätzten Chef und Kollegen Herrn Pohland. Freundliche Grüße von Silvia Rinke.